Lilac/Flieder

Weißer Flieder

Weißer Flieder trug den Zauber
Neuen Lenzes in mein Zimmer,
Glückverheißend, weil umwoben
Von der Freundschaft holdem Schimmer.

Märchenduft’ge, süße Bilder
Aus den zarten Blüten steigen,
Und geheimnisvolle Töne
Zittern durch das Abendschweigen.

Lang vergangne Lenze kehren,
Lang erloschne Augen glänzen,
Und ein seltsam Licht entringt sich
Selbst verblichnen Totenkränzen.

Alles, was in Leid und Liebe
Freud- und schmerzvoll mich getroffen,
Bricht hervor aus dunklem Schachte,
Sanft verklärt von sel’gem Hoffen.

Dank der Hand, die zauberkräftig
Wirkte solch ein Wunder wieder,
Die ein heißersehntes Eden
Mir erschloß im weißen Flieder.

Antonie Jüngst

An den Flieder

Flieder, blütenfroher Flieder,
Schlägst du bald die Augen auf,
Deine leuchtenden blauen Augen?

Sehnsucht nach dir durchblüht das Land.
Veilchen sind fort, noch reden nicht Rosen.
Nur die leisen Glöckchen des Maien
Läuten. Sie lockten dich immer herbei.

Heiss brennt die Sonne.
Heisser die heimliche Sehnsucht nach dir.

Flieder, blühst du,
Stillt sich die Sehnsucht -,
Lösest ganz leise die Flügel der Seele,
Lähmst durch ein wonnig weiches Ermüden
Die vor Erwartung erregten Gedanken,
Wandelnd Leid und Lied in lauter
Blühendes, liebendes All-Empfinden.

Karl Ernst Knodt
Aus der Sammlung Sommer